Er ist neulich gestorben. Ich rief im Seniorenwohnheim an, um mich für den üblichen monatlichen Wochenendtermin anzukündigen. "Wenn sie Sonntag kommen, kann ich nicht garantieren, das er dann noch hier ist."
Ich fuhr also am Freitag. Er lag in seinem Bett und starb gerade. Er war in der Nacht auf Samstag damit fertig. Er hatte seit einer Woche nichts mehr gegessen, keine Medikamente, nichts getrunken.
Als ich in ansprach sah er mich an und faltete die Hände. Hab ich übrigens auch getan, damit ihrs wisst.
Frieden wünsch ich ihm.
J. 3,16
Ich habe über ihn geschrieben. Hier, hier, hier, hier, hier, hier.
Vorgestern hab ich dann seinen Nachlass sortiert. Ich verwahre seine Zeichnungen und Bilder. Vielleicht stelle ich die mal online.
Ich hab jetzt eine Menge Stifte und Papier mehr.
Scheiße.
I'm just a poor wayfaring stranger
A-traveling through, this world of woe.
Yet there's no sickness, toil nor danger
In that bright land, to which I go.
I'm going there to see my father
I'm going there no more to roam;
I'm just go-ing over Jordan
I'm just go-ing over home.
I know dark clouds will gather round me
I know my way is rough and steep;
Yet beauteous fields lie just before me
Where God's redeemed, their vigils keep
I'm going there to see my mother
She said she'd meet me when I come;
I'm just go-ing over Jordan
I'm just go-ing over home.
I'm just a poor wayfaring stranger
I'm just go-ing over home.
Quelle
2010-10-25
The Wayfaring Stranger.
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gerdbrunzema
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2010-06-16
Hübsch.
Ich finde, jemand sei hübsch ist ein ziemlich fieses und hinterhältiges Kompliment.
Ich kann mir nicht vorstellen, das jemand oder etwas hübsch sein will. Das ist der Trostpreis aller Komplimente.
Das ist, denke ich, übrigens nicht so mit "nett". (Jaja, die Schwester von Scheiße, jaja, ich weiß. Aber ich wäre lieber die Schwester von Scheiße, als jedem hochqualifiziert vor die Füße zu kotzen, bloß weil ich es kann und ja nicht nett sein darf um dem Verdacht zu entgehen, eventuell doch Scheiße als Schwester zu haben. Das ist nämlich Scheiße, da interessiert die Schwester dann gar nicht mehr.)
Die Beschreibung, nett zu sein im Sinne vom englischen "kind" und nicht "nice" ist ein sehr großes Kompliment.
Denn das ist überhaupt nicht einfach. Überhaupt gar nicht.
PS.: Ich bedaure das häufige Vorkommnis von "Scheiße". Es ging nicht netter.
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gerdbrunzema
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2010-06-14
Reichsparteitag.
Da erzählt eine Sportmoderatorin was von Miroslav Kloses innerem Reichsparteitag, und alles, was gerne politisch korrekt sein möchte, heult empört auf.
Wenn jemand in der Nazi-Zeit sagte, etwas wäre für ihn ein innerer Reichsparteitag, dann begab diese Person sich in Lebensgefahr. Das weiß ich zufällig.
Man verspottete damit nämlich den abgrundtief ernst gemeinten Protz, Prunk und Tralala der NS-Parteitage in Nürnberg.
Meine Mama sagt das heute noch. Und die hält sich danach immer den Mund zu. Und zwar nicht, weil sie irgendwas Nazi-verherrlichendes gesagt hätte.
Im Gegenteil.
IM GEGENTEIL, IHR DEPPEN!!!!
Die selbstgefällige, ignorante DÄHÄHÄHÄMLICHKEIT dieser Profi-Skandalöre in der Journaillenschaft von "Die Welt", "Die Welt Kompakt" und ähnlich sorgfältig agierenden Publikatoren hat mich dazu getrieben, diesen höchst unerfreulichen Text zu posten.
Ich bitte das zu entschuldigen, es war nicht vermeidbar.
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gerdbrunzema
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13:12
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2010-06-03
Appell.
Frauen!
Frauen, die so ein breites, gürtelartiges Dings um dem Brustkorb kurz unter den Brüsten tragen und damit im Zug von Uelzen nach Hamburg unterwegs sind!
Frauen! Das ist nicht schön!
Mit viel, sehr viel Glück sieht es nach Frühphase Schwangerschaft aus. Oder Kleinkindkleid. Und das ist ein irreführender Eindruck. Meist.
Macht das weg, bitte.
Bitte.
Womit nicht nicht gesagt haben will, das Schwangere unschön sind.
Oh, im Gegenteil. Im Gegenteil.
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gerdbrunzema
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2010-06-02
Schrittmacher.
"Es war ja ein doppelter Schambeinbruch!" Ihre Augen leuteten leicht, wenn sie das sagte, sie schien eine geheime Freude an dem Wort zu haben.
Sie merkt das feuchtkalte Wetter an ihrem doppelten Schambeinbruch, sagt sie. Sie verkündet das mit leiser Freude, so wie man sie hat, wenn man ein Leid erzählen darf oder eine Schwelle, ein Hindernis überwunden hat.
Ihr Mann bekommt heute einen Schrittmacher, sagt sie.
So kamen wir drauf.
Und ich stehe dann da und bin etwas ratlos. Einen schönen Tag noch, sag ich dann meistens.
Heimlich bewundere ich diese Menschen.
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gerdbrunzema
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2010-04-19
Vermutlich.
Das hier nichts steht, hat nicht damit zu tun, dass ich nichts zu sagen hätte.
Oh. Nein. Wäre dem so, hätte ich ja noch Zeichnungen zu zeigen oooooder, Musik zu verlinken, ooooder Aquarelle zu belobigen oooooder Einhorngulaschrezepte zu rezensieren oooooder
Ichhättesehrvielzusagen,aberichwerdeSCHWEIGEN,worübermanschreienkönnte.
Vermutlich kann man hier recht gut ahnen, das ich keine Frau bin. Nein. Nicht.
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gerdbrunzema
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2010-03-23
Nicht mehr.
Er datiert seine Bilder nicht mehr. Er datiert seine Bilder nicht mehr.
Wir fahren wie immer Essen. Wir teilen uns schon seit langem ein Gericht und ein Hefeweizen alkoholfrei. Nur dass er nicht mehr die Hälfte schafft. Höchstens ein Drittel. "Bestens! Bestens gehts mir. Der Arzt sagt, Superwerte, ich bin sehr zufrieden." Wir haben den Rollator vergessen. "Geht auch so, Herr... oder?" "Klar".
Er war wieder bei der Kommunion und regt sich furchtbar über den Zölibat auf. "Dann wär das doch nicht passiert. Man muss doch ficken dürfen!!" Es trinken sehr viele Schwerhörige hier ihren Kaffee. Schrecklichen Kaffee. Schwer zubeschreiben. Metallisch irgendwie.
"Ich hab damals das Aufmaß für den Hamburger Flughafen gemacht. Fuhlsbüttel. Fuhlsbüttel." Er war tatsächlich als Ingenieur in einem Modernisierungsprojekt am Hamburger Flughafen bauzeichnerisch tätig. Er hat auch Bodenanalysen für Staudammprojekte gemacht. "Ich hatte ja keine Ahnung damals."
Wenn er demnächst wieder eine eigene Wohnung hat, dann kann er auch wieder sein Büro für Umweltanalysen aufmachen. Ja, ein Auto braucht er auch, aber nur eins von den neuen umweltfreundlichen. Ich lache. Und er lacht mit.
Er träumt und weiß das er träumt. "Bleiben Sie doch wo sie sind, da sind sie versorgt wie im Hotel!" Der Arzt. Die Schwägerin. Die Schwester. Er grinst schelmisch, fast fällt ihm das Gebiss auf den Tisch. Ich lache mit ihm.
Er datiert und signiert seine Bilder nicht mehr. "Oh, ja, das kann ich ja noch machen."
Er datiert und signiert seine Bilder nicht mehr.
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gerdbrunzema
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2010-01-05
Seniorenwohnsitz.
"Guten Tak!" Er ist alt geworden. Er rasiert sich noch selber, allerdings nicht den Hals und nicht die Mundwinkel. Er hat eine bequeme Jogginghose an, die er auch zum Frühstück an hatte, wie man gut sehen kann. Eine warme, hässliche Jacke, die er von irgendwem geschenkt bekommen hat. Darunter ein sandgelber Wollpullover.
Er strahlt mich an. Seine gesunde Hand schüttelt meine. Kräftig wie immer. Wir fahren gleich los. Zu der Gaststätte, zu der wir immer fahren, im Elm. Da, wo sich Biker und Rentner in friedlicher Koexistenz ignorieren. Da, wo das Essen so indiskutabel elend ist. Da wo die Einrichtung Geiz und Geschmacksfreiheit gleichzeitig signalisiert.
Wir bestellen immer das gleiche Essen und ein alkoholfreies Weizen. Naja, er bestellt seit einigen Wochen nicht mehr, nicht mal den Seniorenteller. Wir teilen eine normale Portion. Auch das Weizen teilen wir. Er hält das für meine Idee, und lobt überschwänglich meine Listigkeit.
Er ist glücklich hier. Das Essen ist natürlich wieder hervorragend, er grüßt den Inhaber mit Namen, der ist auch Eintracht-Braunschweig-Fan und hat eine Blau-Gelbe Fahne im Garten. So wie er in seinem Zimmer. Neben der Maria-von-Fatima-Figur und dem kleinen Bilderrahmen, hinter dessen Glas eine Locke seiner verstorbenen Frau ist. Der Inhaber grüßt mit Namen zurück.
Die Bedienung ist ihm zu schnell, die redet auch nur mit mir, auch über ihn, mütterlich. Ich erkläre ihm, was grade geschah. Er freut sich und ist fest entschlossen, jedes Detail, dessen er habhaft werden kann, zu loben und zu preisen, er zimmert sich sein Glück.
Wenn er müde wird, und das wird er nach dem Essen, dann bekommt man Mühe, sein Reden mit der Welt in Verbindung zu bringen, alles wird dann etwas zu einfach, gerne wird es von früher und außerdem muss er mal aufs Klo. Das kann er noch alleine, er ist aber froh, wenn man mitkommt und wartet.
Wir fahren heim. Da zeigt er mir seine Zeichnungen und seine Malereien. Selten neues, er schafft die großen Formate nicht mehr. Alles ist säuberlich datiert und erläuternd beschriftet. Die Postkarten, die er fleißig und mit stetig abnehmender Komplexität zeichnet, verschenkt er an die Pflegerinnen, mit denen er nicht in Fehde liegt. Also nur an wenige.
Nun wird er wirklich müde. Zeit zu gehen.
"Es war sehr schön Herr - es hat mich sehr gefreut. Grüßen Sie mir Ihre Frau!" Er konnte sich noch nie meinen Namen merken. Ich lasse solche Dinge so stehen, lächle ihn an, verabschiede mich und fahre zurück.
Den Mietwagen muss ich um 18:00 Uhr getankt zurückbringen. Schaffe ich meistens. Aber bei Stammkunden sehen die das nicht so eng.
Ich mag ihn sehr.
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gerdbrunzema
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2009-11-24
De profundis clamo ad te.
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gerdbrunzema
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2009-11-23
Gaga.
Ich denke, Lady Gaga ist was für jüngere. Das ist schon eher simpel und immer recht ähnlich. Bei dem Video zu dem letzten Werk aber, da hab ich aber dann schon sehr gestaunt. Da haben die den Matthhew Barney aber seeeeehr genau angeschaut. Nur das nicht Björk singt, sondern Frau Gaga.
via
Und dann sah ich das hier. Und dann dachte ich, dass, wenn man etwas machen will, was mit einem selbst und Menschen zu tun hat, und nicht mit supply and demand, dann sollte man den Kulturbetrieb weiträumig umfahren.
via
Aber dann dachte ich, ich sollte nicht immer so zickig denken und mal bitte zur Kenntnis nehmen, das nur das ist, was der Fall ist.
Und dann bin ich aufgewacht und hatte Halsschmerzen.
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2009-09-21
Oh Sarah.

via
Ich finde, Frau Silverman hat in ihrer manchmal echt abartigen Komik immer was poetisches.
Ich weiß, dass das total bescheuert klingt.
Aber das hier ist MEIN Weblog.
In eigener Sache: Ich werde bestimmt auch mal wieder irgendwas selber schreiben. Nur jetzt nicht.
Bald vielleicht.
Über Zeichnung oder so. Darüber schreib ich viel zu selten...
2009-09-01
Marilyn Monroe.

via Dings. Danke.
Eine der schändlichsten Tatsachen in der Geschichte Hollywoods ist die, wie man mit dieser Frau umgegangen ist. Mit welch bräsiger Ignoranz diese Frau konsequent auf Titten und "Happy birthday, Mr. President" reduziert wurde.
"Der größte Haufen Scheiße, in den ich je getreten bin."
(Charles Bukowski über Hollywood)
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gerdbrunzema
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2009-08-18
Chicago Steppin.
Es ist lange her. Da habe ich einmal den Film "Der Mann der Friseuse" gesehen. Das ist einer der schönsten Filme, die ich kenne. Er zeigt einen großen seltsamen Frieden.
Genauso wie hier:
via
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gerdbrunzema
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2009-03-12
Da ja grad so viel passiert.
Wenn man die letzten Tage Stunden die Netz- und Holzmedien so followed verfolgt, wie da so alle ihre Meinung sagen, weil, wir haben ja hier Meinungsfreiheit, wo kämen wir dahin, und außerdem, das steht doch da, geh doch einfach auf den Link, die waren doch da und haben alles getwittert, wieso denn, was fragst du denn da noch, ist doch alles klar, was willst du denn NOCH??
Ich will von meinem Recht auf Meinungs-NICHT-äußerung gebrauch machen.
Was ich hiermit aufs INTENSIVSTE tue.
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gerdbrunzema
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2009-02-17
...and Victor makes me go sit in the car and wait for him to pay the bill.
Diese Frau ist mit das lustigste und ernsteste, was mir im Netz bisher begegnet ist. Ich glaube, die hat es nicht so irrsinnig leicht, und baut sich (unter anderem) mit ihrem grandiosen Sinn für Komik die Möglichkeit, durch all das Lachen sich Würde zu erkämpfen in einem Selbstbild, das von großer Verunsicherung und junkiehaftem Angewiesensein auf Bestätigung von außen geprägt zu sein scheint.
Und ich übertreibe hier vermutlich wahnsinnig und mißinterpretiere bestimmt wie Sau am Lappen (hach, ich komm über diesen Ausdruck nicht hinweg. Hihi).
Und das stört mich grad nicht so. Ich merke es nur.
Ich möchte darum bitten, diese Dame in den RSS-Reader einzupflegen. Allerseits. Danke.
2008-06-23
Urkunden.
Herr H.P. war schon immer sehr erpicht auf Urkunden. Er zeigte mir voller Stolz seine Ingenieurs-Fortbildungs-Urkunde der Technischen Universität Braunschweig die er vor einigen Jahren erwarb. Er war durch diese Urkunde Umweltsachverständiger.
Das führte ihn zu regelmäßigen Überprüfungsgängen in die Küche des Seniorenheims, in dem er residiert. Da seine Ermahnungen an das Personal, den Küchenabfall nicht im Hof stehenzulassen, nicht fruchteten, richtete er die Ermahnung nun an den Geschäftsführer, dem er schon des öfteren gute Tipps zur Geschäftsführung eines Altenheims gegeben hatte, wie er mir nicht ohne Stolz erzählte.
Der Geschäftsführer meinte, durch Ignoranz das Ganze abwiegeln zu können. Das bewog aber Herrn H.P. zusätzlich die Abfälle der Bauarbeiten, die zu der Zeit im Seniorenheim vor sich gingen, auf Asbesthaltigkeit zu kontrollieren.
Die Beschwerden der Bauarbeiter signalisierten dem Geschäftsführer schließlich, dass man die ganze Angelegenheit vielleicht doch grundsätzlicher angehen müsste. Die externe Betreuerin von Herrn H.P. wurde kontaktiert. Sie ist eigentlich nur für die Finanzen des Herrn H.P. zuständig. Es wurde ihr nahegelegt, sich doch mal nach einer anderen Residenz für Herrn H.P. umzuschauen.
Als ich Herrn H.P. neulich besuchte (wir malen und zeichnen manchmal zusammen), verriet er mir seine Strategie, in dieser Auseinandersetzung seine Interessen durchzusetzen. Er war auf die Idee gekommen, dem Geschäftsführer anzubieten, die Umweltskandale der Seniorenresidenz NICHT dem Ordnungs-, Gewerbe-, Umwelt- und Gesundheitsamt zu enthüllen. Ich bat ihn, seinen kühnen Plan vielleicht doch nochmal mit seiner Betreuerin zu besprechen.
Sie hat dann mit dem Geschäftsführer offensichtlich eine Lösung gefunden, die ohne Rauswurf auskommt. Sie ist eine sehr fähige Frau.
Und darüber bin ich sehr froh.
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gerdbrunzema
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2008-01-21
Kohle, Kugelschreiber und Acryl
Er hat keine Angst. "Immer gib ihm!" ist seine Strategie, Bilder zu erzeugen. Dezente Anmerkungen, gewisse Materialien aus technischen Gründen nicht zu kombinieren, werden ignoriert oder ausgelacht.
Eine Landschaft. Mit Kohle, Kugelschreiber und Acryl. Und Wachsmalstiften aus Bienenwachs, worauf er großen Wert legt. Alles zerfällt auf den Bildern. Perspektive, Farbelogik, alles.
Ein Akt. "Da haben die anderen Bewohner aber Augen gemacht!" Die anatomischen Freiheiten sind, sagen wir mal, rasant.
Er ist, wie fast immer, sehr beeindruckt von seinem Schaffen. Die Menschen um ihn rum sind, wie immer, gerührt von seinem Erstklässler-Angebertum.
Dann, viel schneller als früher, wird er müde.
"Das reicht, wir müssen nicht übertreiben, ich wünsch ihnen einen schönen Tag, Herr. Wann kommen Sie wieder?"
Er vergisst immer meinen Namen.
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gerdbrunzema
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2008-01-16
Seniorenteller
Die osteuropäischen Dominas sind schnell, auf jeden Fall. Man meide unbedingt die Salate. Es ist einfach zu deprimierend und offenbarend. Lieber irgendwas Gebratenes mit dicker Soße drüber. Das ist rechtschaffen Scheiße und man weiß, was man hat. Er bekommt immer einen Seniorenteller. Es ist schön, ihn so zufrieden, ja begeistert seine Bestellung vollständig vernichten zu sehen. Langsam, die eine Hand ist etwas widerspenstig.
Ein Seniorenteller ist ein Kinderteller, nur mit weniger Gequengel und Geklecker. Dann folgt meist, aber nicht immer, KaffeeundKuchen.
Dazu gehe ich zur Kuchentheke und bestelle bei einem in seiner Gemütlichkeit angedickten Herrn, der seine Debilität in leutseligen Phrasen verpackt. Er strahlt sowas wie "unfähiger Sohn vom Chef" aus. Ich glaube aber nicht, das er der Sohn vom Chef ist.
Er versucht, die Bestellung aufzunehmen (immer ein Kännchen Kaffee, Apfelkuchen und ein Kalorienmonster für mich). Mit einem kleinen Zettel in der Hand gehe ich zurück zum Tisch, für Kuchen herrscht hier ein Ticketsystem wie beim Einwohnermeldeamt.
Eine Domina rauscht vorbei und lässt unsere bestellten Kalorien bei uns ab.
Derart gestärkt erheben wir uns, verlassen laut grüßend das Lokal und schreiten zur Tat.
Mehr später.
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gerdbrunzema
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2008-01-15
Huberto P.
Er steht schon immer auf dem Parkplatz, wenn ich mit dem geliehenen, naja Auto ist irgendwie irreführend, Kleinstwagen zu ihm fahre. Er klettert ohne Hilfe auf den Beifahrersitz und klemmt seine Gehhilfe (Früher hieß das Krücke. "Das sagt man nicht mehr!!". Die Dame war ganz frisch von der Fortbildung und war sich Ihrer sprachlichen Überlegenheit sehr sicher.) jedenfalls klemmt er seine Krücke zwischen Tür und Beifahrersitz. Wir fahren dann immer zum Restaurant T.
Das Restaurant ist was besonderes. Mitten im Wald, ein Insidertipp für einerseits Senioren nebst je nach Alter genervtem oder sehr fröhlichem Anhang und andererseits, und hier kommt die surreale Note, die skurrile Würze: motorradfahrende Heavy Metal-Fans. Die Besatzung dieses Restaurant ist durchweg sehr dominant, mit osteuropäischem Akzent. Außer der Chef. Der ist sehr leise und stört niemanden.
Ich habe die Speisekarte fast durch. Sie ist, und das ist wirklich erstaunlich, auf beide Kundengruppen optimal angepasst.
Hatte ich erwähnt, das ich weder Heavy Metal höre, noch übermäßig Lebensjahre angesammelt habe?
Nächstes mal weiter.
Edith: Lauter Scheißrechtschreibfehler. Sorry.
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gerdbrunzema
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2007-12-05
Onkel Arnold und Frau E.
"Ich bin unglücklich."
"Warum sind Sie denn unglücklich, Frau E.?"
"Keiner sagt mir bescheid! Keiner! Dabei gehöre ich doch gar nicht hier her, glaube ich. Ich weiß auch nicht! Aber keiner sagt mir bescheid!"
"Frau E. ich werd mal fragen, was da los ist, aber jetzt sag ich Ihnen schon mal, das Sie hier malen können, wenn sie wollen."
"Ach, ja, Sie sind der Maler! Aber das nützt ja auch nichts. Wissen Sie, ich bin sehr unglücklich."
Frau E. hat, als ich sie kennen lernte, sehr lebendig von der "Entartete Kunst"- Ausstellung erzählt, die sie als junges Mädchen gesehen hatte. Sie malte sehr schöne Nolde-artige Blumenaquarelle, wie ältere Damen das gerne tun. Angebotene Hilfe (soll ich Ihnen das vorzeichen?) quittierte sie mit eisigem Schweigen.
Vor einigen Monaten wirkte sie müde. Nur noch ein Aquarell statt vier. Die Formen zerfielen zuerst, Blütenblätter machten sich selbstständig, Stängel endeten nicht mehr genau in einer Blüte. Und die Ergebnisse ihrer Bemühungen machten ihr einen Zorn, den sie an anderen Bewohnern ausließ, die schon recht weit im Nebel waren.
Dann, einige Wochen später, war Grün nicht mehr richtig Grün, Blau nicht mehr richtig Blau und Gelb nicht mehr richtig Rot.
Braun wurde die Lieblingsfarbe für alles ("Ja, ich male jetzt Ton in Ton." "Gut, Frau E.").
Das war sehr praktisch, weil sie auch begann, alle Formen einfach übereinander zu malen. Das wird selten was anderes als Braun.
Dann, ein, zwei Wochen später, malte Frau E. nur noch die linke Hälfte des Blattes an. In allen Farben, erlöst von Form, die bedeuten soll, erlöst von Farbe, die bedeuten soll.
Das sah ich, und dachte an eine Geschichte von Oliver Sacks. Das Bild ist jetzt in der Krankenakte von Frau E.
Ach ja, und das ist Onkel Arnold. Via
Frau S. lebt übrigens immer noch und ist sehr guter Dinge.
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gerdbrunzema
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