2010-01-05

Seniorenwohnsitz.

"Guten Tak!" Er ist alt geworden. Er rasiert sich noch selber, allerdings nicht den Hals und nicht die Mundwinkel. Er hat eine bequeme Jogginghose an, die er auch zum Frühstück an hatte, wie man gut sehen kann. Eine warme, hässliche Jacke, die er von irgendwem geschenkt bekommen hat. Darunter ein sandgelber Wollpullover.

Er strahlt mich an. Seine gesunde Hand schüttelt meine. Kräftig wie immer. Wir fahren gleich los. Zu der Gaststätte, zu der wir immer fahren, im Elm. Da, wo sich Biker und Rentner in friedlicher Koexistenz ignorieren. Da, wo das Essen so indiskutabel elend ist. Da wo die Einrichtung Geiz und Geschmacksfreiheit gleichzeitig signalisiert.

Wir bestellen immer das gleiche Essen und ein alkoholfreies Weizen. Naja, er bestellt seit einigen Wochen nicht mehr, nicht mal den Seniorenteller. Wir teilen eine normale Portion. Auch das Weizen teilen wir. Er hält das für meine Idee, und lobt überschwänglich meine Listigkeit.

Er ist glücklich hier. Das Essen ist natürlich wieder hervorragend, er grüßt den Inhaber mit Namen, der ist auch Eintracht-Braunschweig-Fan und hat eine Blau-Gelbe Fahne im Garten. So wie er in seinem Zimmer. Neben der Maria-von-Fatima-Figur und dem kleinen Bilderrahmen, hinter dessen Glas eine Locke seiner verstorbenen Frau ist. Der Inhaber grüßt mit Namen zurück.

Die Bedienung ist ihm zu schnell, die redet auch nur mit mir, auch über ihn, mütterlich. Ich erkläre ihm, was grade geschah. Er freut sich und ist fest entschlossen, jedes Detail, dessen er habhaft werden kann, zu loben und zu preisen, er zimmert sich sein Glück.

Wenn er müde wird, und das wird er nach dem Essen, dann bekommt man Mühe, sein Reden mit der Welt in Verbindung zu bringen, alles wird dann etwas zu einfach, gerne wird es von früher und außerdem muss er mal aufs Klo. Das kann er noch alleine, er ist aber froh, wenn man mitkommt und wartet.

Wir fahren heim. Da zeigt er mir seine Zeichnungen und seine Malereien. Selten neues, er schafft die großen Formate nicht mehr. Alles ist säuberlich datiert und erläuternd beschriftet. Die Postkarten, die er fleißig und mit stetig abnehmender Komplexität zeichnet, verschenkt er an die Pflegerinnen, mit denen er nicht in Fehde liegt. Also nur an wenige.

Nun wird er wirklich müde. Zeit zu gehen.

"Es war sehr schön Herr - es hat mich sehr gefreut. Grüßen Sie mir Ihre Frau!" Er konnte sich noch nie meinen Namen merken. Ich lasse solche Dinge so stehen, lächle ihn an, verabschiede mich und fahre zurück.

Den Mietwagen muss ich um 18:00 Uhr getankt zurückbringen. Schaffe ich meistens. Aber bei Stammkunden sehen die das nicht so eng.

Ich mag ihn sehr.

Kommentare:

cagun hat gesagt…

Ganz schön schön Deine Geschichte! Glückwunsch! Wäre schön, wenn es immer so schön wäre, im Leben!

gerd hat gesagt…

Danke.

Mehr zu dem Thema:
Huberto P., Seniorenteller und Kohle, Kugelschreiber und Acryl.

Anonym hat gesagt…

wunderbarer text. danke.

gerd hat gesagt…

Danke.

rebhuhn hat gesagt…

brennende frage: woher kennen Sie ihn? vater? [konnte ich aus den links nicht herauslesen, leider.]

gerd hat gesagt…

Nein. Ich habe früher Zeichenkurse gegeben, er war dort Stammkunde. Wir haben uns einfach nicht aus den Augen verloren.

rebhuhn hat gesagt…

'..., er zimmert sich sein glück.' ist übrigens einer der schönsten teilsätze, die ich in letzter zeit lesen konnte...

poetin hat gesagt…

der alte mann hat mich an jemanden aus meiner zeit in paris erinnert, der immer "maaaaaa belle" gesagt hat. nichts sonst. inzwischen ist er tot. ich danke dir für die gänsehaut beim lesen.