2010-06-14

Reichsparteitag.

Da erzählt eine Sportmoderatorin was von Miroslav Kloses innerem Reichsparteitag, und alles, was gerne politisch korrekt sein möchte, heult empört auf.

Wenn jemand in der Nazi-Zeit sagte, etwas wäre für ihn ein innerer Reichsparteitag, dann begab diese Person sich in Lebensgefahr. Das weiß ich zufällig.

Man verspottete damit nämlich den abgrundtief ernst gemeinten Protz, Prunk und Tralala der NS-Parteitage in Nürnberg.

Meine Mama sagt das heute noch. Und die hält sich danach immer den Mund zu. Und zwar nicht, weil sie irgendwas Nazi-verherrlichendes gesagt hätte.

Im Gegenteil.

IM GEGENTEIL, IHR DEPPEN!!!!


Die selbstgefällige, ignorante DÄHÄHÄHÄMLICHKEIT dieser Profi-Skandalöre in der Journaillenschaft von "Die Welt", "Die Welt Kompakt" und ähnlich sorgfältig agierenden Publikatoren hat mich dazu getrieben, diesen höchst unerfreulichen Text zu posten.

Ich bitte das zu entschuldigen, es war nicht vermeidbar.

Kommentare:

ramses101 hat gesagt…

Interessant. Einen ähnlichen Gedanken hatte ich auch gerade: Das der "innere" Reichsparteitag quasi das sarkastische Gegenstück zum "tatsächlichen" war. Also die verholene Freude der Nazigegner bei Niederlagen der Wehrmacht etwa, die eben diese Freude nicht zeigen durften.

gerd hat gesagt…

Exakt so war es. Ist es.

Und ich kann mir nicht vorstellen, das es schwer ist, sowas zu recherchieren.

Ärgerlich, sowas.

Bernhard hat gesagt…

Das sind die gleichen Leute die zum 'Public Viewing' gehen.
http://dict.leo.org/?search=public+viewing&searchLoc=-1&lp=ende&lang=de

;)
DD

ramses101 hat gesagt…

@Bernhard: Das ist nicht ganz richtig ...

http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachmythen/2010-06-10/public-viewing-oder-die-r-ckkehr-der-leichenbeschauer

Ingo Vogelmann hat gesagt…

Schade, daß es hier keinen "mögen"-Button gibt.

S. Beck hat gesagt…

Es war wirklich nicht schwer, das zu recherchieren. Umso überraschter war ich über die ganzen Pseudo-Gutmenschen-Digital-Natives, die lieber 5 empörte Anti-ZDF-Tweets posten statt einfach nur mal zu googlen.

pascal hat gesagt…

Das ist m.E. genau der Knackpunkt der Sache: es ist eine alte Redewendung, und daher für Leute die sie kennen offenbar kein Problem.

Aber viele kennen sie eben nicht, und haben eben das Gegenteil verstanden. Wenn die sich dadurch an Nazisprache erinnert fühlen, dann fühlen sie sich eben an Nazisprache erinnert und finden das evtl nicht des ZDF würdig und twittern ein wenig darüber. Es liegt meiner Meinung nach schon in der Verantwortung der Moderatoren, sich nicht so missverständlich auszudrücken. Ist ja nicht nur bei Nazisprache so, wir haben ja auch aus diesem Grund auch weder Ironie noch Sarkasmus im TV. Weil es eben Leute falsch verstehen.

Und ein altes Sprichwort nicht zu kennen (das offensichtlich nichtmal die alten Leute von Welt.de kannten!) ist doch verzeilicher als Ironieresistent zu sein. Warum auf die humorlosen Zuschauer Rücksicht nehmen, aber auf die unter 60jährigen nicht, die ein Sprichwort nicht kennen?

In Kochshows wird auch nicht von geilen Kuchen gesprochen.

gerd hat gesagt…

@pascal Wie gesagt, ich halte es nicht für schwer, das zu googlen. Sicher kennt nicht jeder den Zusammenhang und die Geschichte dieser Redewendung. Aber die von Springer GARANTIERT. (Und diese Bigotterie nehme ich denen übel) Die ganze Holocaust-Thematik und Israel-Solidarität ist tragende Säule des Springer-Selbstverständnisses. Die wissen solche Sachen.

Ich denke, die ZDF-Tante hat sich nicht mißverständlich ausgedrückt. Wenn es einen "Jugendslang" (geiler Kuchen) gibt, gibt es offensichtlich auch einen "Seniorenslang". Über den (bzw. "Jugendslang") sollte man sich informieren, bevor man darüber das Maul auf twitter oder sonstewo aufmacht.

Und das hat nichts mit Jugend oder Alter zu tun. Das gehört sich einfach so. Erst informieren, wenn man etwas nicht kennt. Dann kann jeder gerne was sagen. Dann fällt das ernst nehmen auch nicht so schwer.

Ganz einfach.

Ingo Vogelmann hat gesagt…

Ach Quark, alles aufgeblähter Käse.

@botot hat gesagt…

Kein Käse! Jemand sagt was, einer findest falsch, der andere richtig, ich hör zu und hab was gelernt. So soll das sein!

gerd hat gesagt…

@botot: Das freut mich, wenn es zu Erkenntniss führt.

In der Tat. so soll das sein.

@Ingo Vogelmann: Ja, das kann leicht zu aufgeblähtem Käse werden, haste recht.

Ich bin ehrlich gesagt erstaunt über die hier unübliche Menge an Kommentaren, das freut mich, ich will das Ding aber auch nicht größer machen als nötig.
Ich hab gesagt, was ich für nötig hielt.

Hab mich halt ziemlich geärgert.

Ralf hat gesagt…

Können wir mal den roten Satz auf ein T-Shirt drucken?

gerd hat gesagt…

Klar, mit Hinweis gerne...

German Psycho hat gesagt…

Pascal hat da etwas sehr Wichtiges aufgebracht: Es geht nicht nur darum, wie ein solcher Satz gemeint war.

Nebenbei bemerkt: Auf Wikipedia stand zunächst, der Satz sei bei der HJ als Zustimmung benutzt worden. Also so simpel „eben mal googeln” wars eben nicht.

Völlig unabhängig davon: Da es heute keine NSDAP und keine Reichsparteitage mehr gibt, ist es auch unsinnig, ironische Distanz zu ihnen aufzubauen. Was also soll der Satz dann ausdrücken?

Es ist eben nicht so simpel...

gerd hat gesagt…

Richtig. Es gibt keine Reichsparteitage mehr. Daher sollte man, wenn man den Ausdruck benutzt UND wenn man ihn hört, bei der Bewertung und Interpretation WISSEN, was gemeint ist BEVOR man sich dazu äußert.

Mein Punkt ist: Bevor man sich mit einer von Ignoranz (ignorare= nichtwissen) geprägten Bewertung zum Obst macht, informiert man sich bitte ausreichend (auch gerne ohne Google, das ging laaaange Zeit auch so).

Also allgemein gesagt: Erst denken/wissen, dann reden.

Nur weil zur Überprüfung heute keine Reichsparteitage mehr zur Verfügung stehen, kann man doch trotzdem solche Formulierungen benutzen (also erstmal grundsätzlich: Freiheit der Rede); es gibt eine Menge Sprichworte, deren eigentlicher Sinn nicht mehr erkennbar ist (z.B. "Bock zum Gärtner machen") Keine Ahnung was das genau bedeutet. Trotzdem weiß ich wie man das benutzt.

Anderes Beispiel. Aus lauter politischer Korrektheit wurde der tatsächlich hämische Ausdruck "Reichskristallnacht" vor einigen Jahren in "Reichsprogromnacht" umbenannt. "Pogrom" ist russisch, nicht minder hämisch und setzt sich aus "po"(ein wenig) und der kurzform von "gromko" (laut) zusammen. Reichspogromnacht heißt also "Reichs-ein-bisschen-laut-nacht.

Welch ein Fortschritt.

Wenn man schon soooo korrekt sein will, dann doch bitte so, dass es Sinn macht.

Man könnte das in aller Humorlosikeit (und das ist echt das schlimmste an der ganzen Sache) endlos weiterführen.

Muss man aber nicht.

German Psycho hat gesagt…

dann halt nicht.

ulfur grai hat gesagt…

Muss man nicht, lohnt sich aber, ganz im Sinn von botot: "ich hör zu und hab was gelernt." In meinem Fall gilt das besonders für Ihre etymologische Aufdröselung von Pogrom. Ich kann kein Russisch und hab erstmal bei Wikipedia nachgesehen. Da heißt es: "Der Begriff stammt aus dem Russischen und bedeutet übersetzt Verwüstung, Zerstörung, Krawall (погрóм, abgeleitet von громить „demolieren, zerstören“)." Wiktionary entsprechend: "Herkunft:
aus dem Russischen „pogrom“ (погрóм, abgeleitet von громить = demolieren, zerstören) mit der Bedeutung: Verwüstung, Zerstörung. Das Wort ist etymologisch mit Grimm, grimm verwandt." Der Duden und mein Wahrig erklären die Wortbedeutung ebenfalls mit Verheerung, Verwüstung. Das klingt alles weniger verniedlichend als Ihre Auslegung, ist aber womöglich nicht so nah an den Grundformen wie Ihre Erklärung. Würden Sie sich die Mühe machen, dazu noch einmal was zu schreiben? Im Grunde bin ich in der Sache der gleichen Meinung wie Sie, daß nämlich neu verordnete Sprachregelungen oft kaum mehr als Alibi- und Feigenblattfunktion haben und mehr vertuschen und verschlimmbessern als wirklich besser zu machen.

gerd hat gesagt…

@ulfur grai Die Ethymologie ist eine Wissenschaft rasantester Spekulation, nur SEHR schwer von Kaffesatzlesen zu unterscheiden. Alle Verwandtschaftsbehauptungen darin sind, genau das, Behauptungen, praktisch unbeweisbar. Das vorweg.

Ich habe die Ethymologie von погрóм in Erinnerung aus meinem Slavistikstudium in der mittlerweile geschlossenen slavischen Fakultät der Uni Frankfurt/Main. Literatur könnte ich da nicht angeben (ist laaaange her und ich hab die Unterlagen zur Linguistik nicht mehr. Leider, die hätte ich jetzt gerne zur Verfügung). Aber ich kannte nur diese Argumentation, die, allerdings, der Eindruck kommt mir jetzt, durchaus politisch gefärbt und intendiert gewesen sein könnte. Ich finde die Argumentation für громить sehr einleuchtend, und, wenn man durch Abwägung, was wahrscheinlicher ist, zur Wahrheit kommen könnte, würde ich bei ihrer Argumentation landen.

Aber, bzw andererseits, und das ist jetzt ein rein gefühlsmäßiger/intuitiver Gedanke, die Herleitung UND der historische Gebrauch von погрóм in Russland ist nicht so nüchtern/wissenschaftlich, sondern er ist eben oft in zynischem, chauvinistischen Kontext gebraucht (so wie Reichskristallnacht von den Nazis).

Das ist sicherlich kein Beweis, nicht mal ein überprüfbares Argument. Letztlich lässt sich die Frage nicht klären, unterm Strich kann man vielleicht lernen, das Fremdworte als Ersatz für vorhandene Formulierungen immer ein Risiko sind, und in diesem Fall, meiner Meinung nach, ein unnötiges.

ulfur grai hat gesagt…

Besten Dank für dieses neuerliche Ausholen! Ganz so zweifelhaft wie Sie finde ich die Etymologie als Disziplin übrigens oft gar nicht. Wie viele scheinbar komplizierte Begriffe und Sachverhalte werden schon allein dadurch anschaulicher und klarer, daß man sich einmal die Grundbedeutung ihrer Bezeichnungen klar macht. Aber die Herleitung von Pogrom, habe ich verstanden, bleibt letztlich Interpretationssache.