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2010-06-30

Denn da hängt schon eine.

Das Wetter ist sonnig und heiß. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Da findet man Damen, die sonst eher unerlaubt meine Nerven belästigen, plötzlich sonnig und heiß.

Ich finde, es lohnt sich, die Jahreszeiten aus der Perspektive eines milde resignierten Theaterkritikers zu betrachten, der überrascht fest stellt, dass er immer noch zu begeistern ist. Weniges beeinflusst meine Laune so wie das Wetter. Oder genauer, das Licht.

Ach, Licht.

Dazu sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich mich, obwohl ich mich zur Zeit in einer eher schattigen Situation befinde, außergewöhnlich, übernatürlich geradezu, gelassen fühle.

Nun bin ich kein Theaterkritiker.


Ich bin Maler und Zeichner.
Was mich sehr beschäftigt zur Zeit: Die Behauptung, nichts sei dem Menschen zugänglich ohne Erzählung. Ich glaube, dass das stimmt. Und das bedeutet, dass statische, bildende Kunst immer narrativ ist. Erst wenn man eine zuvor beschlossene Erzählung in ein Werk zwingt, fliegt einem die Kunst um die Ohren und gerinnt zu Kitsch. Das bedeutet wahrscheinlich, dass man als Zeichner und Maler die Zeichen, die man setzt, als Anker für Erzählung begreifen MUSS, ohne eine Erzählung daran zu hängen. Denn da hängt schon eine.

Aber ich bin noch nicht fertig mit denken.

2010-01-05

Seniorenwohnsitz.

"Guten Tak!" Er ist alt geworden. Er rasiert sich noch selber, allerdings nicht den Hals und nicht die Mundwinkel. Er hat eine bequeme Jogginghose an, die er auch zum Frühstück an hatte, wie man gut sehen kann. Eine warme, hässliche Jacke, die er von irgendwem geschenkt bekommen hat. Darunter ein sandgelber Wollpullover.

Er strahlt mich an. Seine gesunde Hand schüttelt meine. Kräftig wie immer. Wir fahren gleich los. Zu der Gaststätte, zu der wir immer fahren, im Elm. Da, wo sich Biker und Rentner in friedlicher Koexistenz ignorieren. Da, wo das Essen so indiskutabel elend ist. Da wo die Einrichtung Geiz und Geschmacksfreiheit gleichzeitig signalisiert.

Wir bestellen immer das gleiche Essen und ein alkoholfreies Weizen. Naja, er bestellt seit einigen Wochen nicht mehr, nicht mal den Seniorenteller. Wir teilen eine normale Portion. Auch das Weizen teilen wir. Er hält das für meine Idee, und lobt überschwänglich meine Listigkeit.

Er ist glücklich hier. Das Essen ist natürlich wieder hervorragend, er grüßt den Inhaber mit Namen, der ist auch Eintracht-Braunschweig-Fan und hat eine Blau-Gelbe Fahne im Garten. So wie er in seinem Zimmer. Neben der Maria-von-Fatima-Figur und dem kleinen Bilderrahmen, hinter dessen Glas eine Locke seiner verstorbenen Frau ist. Der Inhaber grüßt mit Namen zurück.

Die Bedienung ist ihm zu schnell, die redet auch nur mit mir, auch über ihn, mütterlich. Ich erkläre ihm, was grade geschah. Er freut sich und ist fest entschlossen, jedes Detail, dessen er habhaft werden kann, zu loben und zu preisen, er zimmert sich sein Glück.

Wenn er müde wird, und das wird er nach dem Essen, dann bekommt man Mühe, sein Reden mit der Welt in Verbindung zu bringen, alles wird dann etwas zu einfach, gerne wird es von früher und außerdem muss er mal aufs Klo. Das kann er noch alleine, er ist aber froh, wenn man mitkommt und wartet.

Wir fahren heim. Da zeigt er mir seine Zeichnungen und seine Malereien. Selten neues, er schafft die großen Formate nicht mehr. Alles ist säuberlich datiert und erläuternd beschriftet. Die Postkarten, die er fleißig und mit stetig abnehmender Komplexität zeichnet, verschenkt er an die Pflegerinnen, mit denen er nicht in Fehde liegt. Also nur an wenige.

Nun wird er wirklich müde. Zeit zu gehen.

"Es war sehr schön Herr - es hat mich sehr gefreut. Grüßen Sie mir Ihre Frau!" Er konnte sich noch nie meinen Namen merken. Ich lasse solche Dinge so stehen, lächle ihn an, verabschiede mich und fahre zurück.

Den Mietwagen muss ich um 18:00 Uhr getankt zurückbringen. Schaffe ich meistens. Aber bei Stammkunden sehen die das nicht so eng.

Ich mag ihn sehr.

2008-01-05

China Imbiss

Gespräch neulich mit einer sehr sehr (!) guten Freundin:

Ich : Sag mal, der China-Imbiss da drüben, der ist doch neu, warst du da schon mal?

Sie : Nein, und ich gehe da auch nicht hin. Weil: Da gegenüber ist ein Baquette/Croque Laden, da war ich auch noch nie, und der Mann da drin würde das ja sehen, dass ich in den China Imbiss gehe und nicht zu ihm, und da wäre der bestimmt ganz traurig.

Ich : Ach so.


Sie ist eine sehr gute Freundin.

Man kommt sich nicht ganz so fremd vor, wenn man mit ihr spricht.