2007-08-20

Hochbegabung oder Vokabeltest

Ich habe seit mitte August einen neuen Job. Ich bin beteiligt an der Konzeption und Umsetzung einer neuen Struktur im Bereich usw..
Jedenfalls was mit Hochschule. Das hat zur Folge, daß ich sehr viel seltener mein Weblog bearbeiten kann (war ja auch 'n bischen dolle...), und das ich ES SEHR SEHR SCHWIERIG FINDE, HOCHBEGABUNG IN SACHEN KUNST ZU DEFINIEREN!!!

Wenn jemand 'ne Sportkanone (sagt man das noch? Ich werde alt) ist, kann man das fast immer messen. Wenn jemand musikalisch hochbegabt ist, wirds schon schwieriger. Aber ein handwerkliches Fundament ist da zumindest Vorraussetzung (ein Piano-Wunderkind kann gewöhnlich Klavier spielen, und zwar recht gut...)
Aber Kunst? Da sind die Meßmarker einfach wegdefiniert. Was muß einer oder eine können, was muß einer oder eine wollen, um in Sachen Kunst hochbegabt zu erscheinen?

Ich finde ja die Fähigkeit zu zeichnen ein ganz gutes Indiz (quäckend aus dem Hintergrund:"UndwaswenneinernurFilmemachenwill?" - DANN MUSS ER AUCH ZEICHNEN KÖNNEN, UM SEINE STORYBOARDS ZU MACHEN!!DUMPFBEULE!!!)

Hmpf!

Ich bin etwas gereizt. Und in Sachen Zeichnung auch nicht ganz unbefangen, geb ich ja zu.


Aber es gibt Diskussions-Stile, die mich etwas ratlos machen.



Also: Wie definiert man Hochbegabung zur bildenden Kunst?

Freiwillige vor, die andern machen Vokabeltest. Hefte raus.

Kommentare:

Ruwi hat gesagt…

Also ich hab zwar keine Ahnung, aber noch weniger Bock auf Vokabeln...

Ich finde, wer sehr sehr sehr gut zeichnen kann, erfüllt schon mal die technischen Vorraussetzungen zur Hochbegabung in Sachen Kunst. So, und ich kann mir auch vorstellen, dass man das irgendwie bewerten kann.

Aber ich fände es auch spannend, sich den Prozess des Schaffens von Kunst anzusehen.

Dazu mal ne Frage: Kann man aus der Art und Weise, wie man einen künstlerischen Prozess gestaltet, eine Hochbegabung ableiten? Weil das wäre schon cool oder? Aber wie schon gesagt: Je n'nais pas du plan...

gerd hat gesagt…

Das Problem dabei ist, das es prinzipell zwei Perspektiven auf die Sache gibt:

Ergebnisorientiert und Prozessorientiert.

Ersterer ist leicht zu überprüfen, wenn man das Ergebnis mit der ursprünglichen Planung vergleicht (Bei Architektur z.B., aber bei Musik (Improvisation) oft sinnlos).

Letztere ist eigentlich nur als Schau auf den Prozessverlauf bewertbar (Musik wird als gesamtprozess oder Teilprozess (...der Anfang war ja gut, aber in der zweiten Hälfte... (in der Architekur widerum: sinnlos)).

Malerei und Zeichnung z.B. kann nun leider sowohl sehr prozessorientiert als auch ergebnisorientiert ablaufen. Zu sehen gibt es aber nur das Endergebnis.
Bei der Aufnahmeprüfung an Kunsthochschulen wird ja der Prozess beobachtet und das Ergebnis besprochen. Man versucht also sowohl Prozess als auch Ergebnis zu erfassen und zu bewerten.

Und JA, WENN MAN SICH DUMM ANSTELLT, WIRD KEIN INTELLIGENTES BILD DARAUS!!

Joseph Beuys, der zweifellos sehr intelligente Sachen gemacht hat, hat geniale Zeichnungen gemacht, die sich prinzipiell jedem technisch-darstellerischen Anspruch entziehen, kurz: Geile Zeichnungen von jemandem, der so tut, als könne er nicht zeichnen. Ab da wirds dann doch sehr kompliziert...

Ruwi hat gesagt…

jaja, genaugenau, das ist echt kompliziert... ich wusste gar nicht, dass man sich bei der Aufnahmeprüfung an Kunsthochschulen auch den Prozess anschaut Ich dachte, Mappe abgeben und gut (oder auch nicht). Mhm, ich denke weiter darüber nach... Stand-By...

ar hat gesagt…

Ja, das ist schon merkwürdig …

Gelegentlich, in meinen Zeichenkursen, sitzt da jemand, z. B. viertes Semester, Kommunikations-Design, eine absolute Krücke, denkst du, der sieht nix, erkennt nix, der kämpft & ist verzweifelt & wird nie im Leben kapieren, wie so eine Hand oder ein Fuß funktionieren.

Anstatt Hände zeichnet er lepröse Stummel, anstatt Füßen zeichnet er irgendwie Gliedmaßen mit Socken. Köpfe zu groß, zermatschte Gesichter, null Gefühl für Proportion, null Gefühl für das Material; denkst du, warum will der Mensch Grafiker werden, der wird nie einen geraden Strich hinkriegen.

Wie in aller Welt hat der die Aufnahmeprüfung geschafft? Das Unvermögen an sich stellt ja eben keine Begabung dar.

Aber die Zeichnungen haben irgendwas, eine rohe Gewalt, so naiv, so gar nix verbildetes, pseudointellektuelles; trotzdem auch zaghaft, tastend, suchend, forschend & du weißt: so was kriegst du wahrscheinlich nie mehr in deine Zeichnungen rein, das kannst du ja nicht wollen, das kannst du nur nicht-wollen; da werde ich einfach neidisch.

Aber das glaubt der mir nicht. Er sieht sein – scheinbares & tatsächliches – Unvermögen & träumt von „schönen” Aktzeichnungen, von langweiligem, spannungslosem, artistischem Geschnörkel.

So was z. B. – nicht falsch verstehen, das ist schön, handwerklich gut gemacht, solide Illustration – für den Job ganz wichtig, mal eben schnell eine Idee auf einen Bierdeckel skizziert, hingeworfen; wer kann das schon, überzeugend?

Von da aus muss es dann aber für den Künstler weiter gehen, das musst du wieder demontieren, in Frage stellen, so wie du dich dauernd demontieren musst, in Frage stellen musst.

Die Gratwanderung, sich seiner Mittel bewusst zu sein & sich trotzdem niemals zu sicher zu sein.
Das dünne Eis nie verlassen.

Sollte eigentlich 'ne kurze Antwort werden.


… ich habe da auch keine Lösung.

Ruwi hat gesagt…

Richtig, Demontieren ist das Stichwort. Aber wie ist das, wenn Du nichts zu Demontieren hast? So wie bei dem Studenten?

Der kann es anscheinend nicht anders, so wie ich Dich verstanden habe. Dann hat er doch auch nichts demontiert, oder?

Tschuldigung, aber ich finde das gerade total interessant.

gerd hat gesagt…

Damals noch im Scherz.
Man muss Unterscheiden zwischen handwerklicher Begabung und künstlerischem Potenzial. Da gibt es übrigens eine mekwürdige Korrelation, aber erstma wat anderes:

Der von Armin beschriebene Student hat wenig handwerkliche Begabung und viel künstlerisches Potenzial, tragischerweise aber nicht die Erkenntnis dessen und umgekehrte Ambitionen. Ich habe oft erlebt, das Künstler sich wegen völlig unwichtiger Detailaspekte ihrer Arbeit für genial hielten, und die Sachen wegen ganz andererer Dinge spannend waren. Da hofft man dann immer, das derjenige nix merkt...
Ein Klassiker in der Sparte war der Dschungelmaler Henri Rousseau, Freund von Picasso, dei im Grunde immer seine Topfblumen als Bäume gemalt hat. Der hielt sich für einen genialen, ultrarealistischen Maler, Zitat (nicht wörtlich):"Picasso, wir beide sind die besten Maler der Welt, ich im modernen Stil, und du im afrikanischen".

Die Korrelation zwischen Künstlerischem Potenzial und handwerklicher Begabung ist die, das sie oft (längst nicht immer!!) umgekehrt proportional sind, d.h. Leute die handwerklich gut Zeichnen können, sind künstlerisch oft total uninteressant, vermutlich, weil sie sich mit dem Lob über die technische Perfektion zufrieden geben. Da hat man dann gar keinen Grund, aufs dünne Eis zu gehen.

Und Leute mit großem künstlerischen Potenzial sind oft deswegen interessant, weil die ihren Scheiß technisch einfach nicht in den Griff kriegen, also mangels handwerklicher Begabung auf dem dünnen Eis wohnen.

Ruwi hat gesagt…

Ich habe mir immer vorgestellt, dass die tollen Künstler, im Grunde technisch perfekt sind. Und das diese Künstler sich auf diesem Niveau sozusagen demontieren und sich in Frage stellen und sich dadurch aufs dünne Eis begeben. Sozusagen freiwillig die Unsicherheit und Nicht-Perfektion suchen um Neues zu entdecken und "verwundbar zu sein. Also das Technik sozusagen die Grundvorrausetzung ist, um künstlerisch wertiges Zeugs zu produzieren.

Ich hätte jetzt nicht gedacht, dass einige ihr Zeug technisch nicht im Griff haben. Find ich interessant, obwohl ich echt wenig Schnall von der Sache habe... Ich bin ja nur "Kunstkonsument", und das auch eher selten.

ar hat gesagt…

Die Frage ist, was „technisch perfekt” bedeutet. Man kann durchaus Dilletantismus auf jedem Gebiet bis zur Perfektion treiben.

Zeichnen ist eine Voraussetzung, um „Sehen” zu lernen. Einen Gegenstand, den ich zeichne, begreife ich anders – der Erkenntnisgewinn ist ungleich größer, als nur durch gucken. Das „Sehen” wird über das Zeichnen trainiert.

Also eine gute Grundlage, um als Künstler gute Arbeit zu leisten.

Natürlich bedarf es darüber hinaus noch ein bisschen mehr, um dann wirklich gute Kunst zu machen.

„Demontieren” ist da nur eine Möglichkeit; oft genügt es ja auch schon, ab & zu das Material zu wechseln, um eine andere „Sicht” auf die Dinge zu kriegen. Wer ein Leben lang mit dem 2B Bleistift zeichnt, wird die Welt auch nur in 2B entdecken.

gerd hat gesagt…

@ruwi:
Im Grunde ist das wie bei Musikern. Die sind auch nicht alle technisch perfekt. Aber die können ihre Schwächen zu persönlichem Stil erklären. Wenn das überzeugend ist, ist das überzeugend. Oder auch nicht.

In der Kunst gibt es den interessanten Fall Cezanne. Der hat einfach Formen und Proportionen nicht in den Griff bekommen. Augen waren unterschiedlich groß/hoch, ein arm zu lang, Tischkanten, teilweise von Stoffen verdeckt waren nicht auf einer Linie usw.
Irgendwann hat den das einfach nicht mehr interessiert, und das ganze "Ich erfinde Wirklichkeit parallel zur Wirklichkeit" genannt. Und da er echt was von Farbe und Pinselführung verstand, UND die Bilder tatsächlich parallel zur Wirklichkeit lesbar waren, war das überzeugend. Er wollte einfach nur ein sehr guter Maler sein.
Zur Ikone der klassischen Moderne haben ihn dann Picasso und Matisse später erklärt, indem sie seine Macken und schwächen zum System erklärten und dat janze Kubismus nannten (Picasso jedenfalls, Matisse interessierten mehr die Farben).
Da gibt es die schöne Anekdote über Max Liebermann, demgegenüber sich ein Kritiker über den viel zu lang geratenen Arm eines Jungen aufregt. Lieberman dazu: Hörnsema, der Arm is soo schön jemalt, der kann jarnich lang jenuch sein!"

Ach, und das mit dem demontieren. Das kann SEHR schnell zur Bodybuildingpose geraten (schaut ma, wie riskant ik bin, macht zwar nicht wirklich Sinn, aber, mussja, wenn man als Künstler durchgehen will). Baselitz z.B.
Ich will verdammtnochmal wissen, was einer sagen will, nicht nur (auch, aber nicht nur) wie (abgedreht) er das sagt.
MAN KÜMMERE SICH UM FORM UND INHALT, VERDAMMTE SCHEISSE!!!
Und zwar so, das das schlüssig ist, und so aufs dünne Eis führt.

@armin:
Sehen lernen, visuell denken lernen, dafür ist Zeichnung unerlässlich. Eine gute Grundlage, um als Künstler gute Arbeit zu leisten, das sehe ich auch so.
Demontage, Materialvariation, Themenwechsel, Stilwechsel, es gibt viel Strategien, sich zu erschüttern, um neu zu sehen.
Wichtig ist, erschütterbar zu bleiben. Und zwar von dem, was einem wichtig ist (Thema,Material, usw.)

"Sei erschütterbar und widersteh"
Ist, glaube ich von Frau Bachman, weis nich genau.

Und ich glaube, das eine Beschränkung auf ein Material (Kohle, Robert Longo) oder Thema (Töppe und Flaschen, Morandi) oder so, eine sehr spannende Herausforderung sein kann, wenn man alternativlos dahintersteht. Kann aber auch an die Wand fahren (Baselitz, meiner Meinung)