2009-11-07

Bitte milde lächeln.

Ich muss hier heute leider über Zeichnung predigen. Ich würde lieber einfach nur darüber schreiben, aber alle Gespräche, die ich in letzter Zeit über dieses weltwichtige Thema führen musste, und das muss ich beruflich häufig, lassen mich immer öfter in einer Situation eines manischen Straßenpredigers enden. Es geht offensichtlich nicht anders.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, das man als ein Mensch, der selber nicht zeichnet und das auch nicht vorhat, sich etwas betreten (quasi strombergig) fühlt, wenn man in sagenwirmal übersteigerter Weise ihn mit diesem Thema behelligt wird (ja, behelligt). Denn die Ergebnisse zeichnerischer Bemühungen sind selten sofort spektakulär. Rembrandt (der ist so unglaublich. Mann), Van Gogh, Egon Schiele oder Cy Twombly mag da Ausnahme sein.

Aber, man versuche bitte zu verstehen. Ein weißes Blatt Papier. Ein Bleistift, sagen wir ein Derwent B5, in der Hand. Wenn man nun eine Linie zieht, klar, grade, entschieden. Oder erratisch, nervös, unruhig, aufgeregt, erregt. Oder vorsichtig, tastend, auf dem Sprung, sich selbst eilig zu korrigieren. Wenn man nun eine solche Linie zieht, dann legt man Grund für eine ganze Welt IN dieser einen ersten Linie. Ist die erste Linie daneben, weiß man schon: Das wird bestenfalls was fleißiges. Und jeder Schritt von da an, jeder Schritt, ist ehrlicherweise nicht zu korrigieren (und man glaube nicht, Bleistift könne man radieren. Mit einem Gummidings verschmieren, und die Papieroberfläche zerstören, ja, das geht.)

Mit ein paar guten Leuten Musik zu improvisieren ist der einzige Vergleich, den ich mir vorstellen kann, das er auch nur annähernd fasst, was für ein rauschartiges, fließendes Gefühl es ist, diesen schmalen Grat der Linie auf dem Papier von Anfang bis Ende zu tanzen. Oder Kant lesen und wirklich (also in seiner Wirkweise) zu begreifen. Das muss ein ähnliches Gefühl von Kraft und Eleganz sein.

Womit noch nichts über die Qualität der Zeichnung für den Betrachter gesagt sein soll.

Aber ich bitte um Verständnis, dass, wenn man so etwas erlebt hat, erlebt, dass man nicht schweigen will sondern sagt, das alle zeichnen müssen.

Und ich bitte darum, diesen Aufruf gegebenenfalls milde zu belächeln.

Kommentare:

Martin Heike hat gesagt…

Ich habe sogar laut gelacht (nicht ausgelacht, eher verständnisvoll).

blaumann hat gesagt…

Ich probier das mal mit Kugelschreiber. Für Anfänger erscheint mir der Bleistift zu heilig. Peter Handke schreibt seine Bücher nur mit Bleistift ...

isabo hat gesagt…

Das ist natürlich großer Unfug, das mit dem Predigen und dem Behelligen, denn wenn etwas mit Begeisterung und Überzeugung, na gut, Predigen kann auch so sein. Egal, jedenfalls glaube ich, dass Du wahrscheinlich Recht hast, und dass es beim Schreiben so ähnlich ist. Man kann vordergründig zwar korrigieren, wenn man mit dem Computer schreibt, aber wenn die Ursprungslinie, sozusagen die Grundlinie nicht stimmt, dann kann man das auch nicht später reinkorrigieren.

Armin hat gesagt…

Den Studenten sag' ich immer wieder: „Wehe, ich erwische einen mit mit dem Radiergummi …”!

Aber manchmal kann ich ja auch mit dem Radiergummi zeichnen. Indem ich was wegnehme. So, wie ich Farbe mit der Spachtel abkratze.

Das erzähle ich aber in aller Regel nicht.

Also, nicht in dem Sinne, etwas ganz & gar zu eliminieren, weil man glaubt, einen Fehler gemacht zu haben oder weil man sich seines Zeichens schämt – sozusagen.

Oder wegen dem Effekt. Viele stehen ja auf Effekte.

Das wäre auch mal ein Thema für eine Predigt.

gerd hat gesagt…

@isabo: Interessant. Dann findet das "nicht mehr korrigieren können" offensichtlich im Kopf statt. Kann ich mir gut vorstellen.

Denn technisch kann man nirgendwo perfekter ungeschehen machen als im Rechner.

@Armin: Das ist ja auch Radiergummi als Gestaltungswerkzeug, das ist ja ein ganz anderes Konzept. Da wird das schmieren und Kratzen Arbeitsmethode und nicht Fehlerkorrekturgemauschel.

Armin hat gesagt…

… wegen des Effekts nat.

Annie Lennox mag ich übrigens sehr. Ich weiß nicht wie oft ich damals „Diva” immer wieder von vorne bis hinten durch den CD-Player nudelte.

Die ist einfach fantastisch.

isabo hat gesagt…

Ich meine beim Korrigieren jetzt nicht Feinheiten, sondern die Grundlinie eines Textes - altes Übersetzerdings, "wir übersetzen nicht Wörter und nicht Sätze, sondern Texte". Wörter und Sätze kann man natürlich korrigieren, aber wenn am Grundton des Textes etwas nicht stimmt, dann kann der beste Lektor das nicht reinkorrigieren. (Und man selbst wahrscheinlich schon gar nicht.)