2009-06-02

Hamburg.

Ich bin ein Bewohner Hamburgs. Ich liebe diese Stadt, seit ich in ihr lebe. Und eines der Dinge, die ich an dieser Stadt liebe, will ich jetzt mal erzählen.

Ich fahre recht viel Bus in dieser Stadt. Und da sind viele Menschen. Saubere Menschen, dreckige Menschen. Betrunkene Menschen, nüchterne Hamburger. Anzüge und Jogginghosen. Miniröcke und Kopftücher. Kaffeefarbene und rosafarbene Menschen. Und vieles andere mehr.

Die haben sich sicherlich nicht alle lieb. Aber, wenn ein Penner lallend bittet, aus dem Weg zu gehen, dann antwortet der Anzug "Büddesehr". Und wenn einer laut wird im Bus, das sagt irgendwann einer "So, lass mal jetz, is gut." Bei der nächsten Station sagt dann der Busfahrer, das er "möchte, dass der etwas aufgeregte Herr bitte meinen Bus verlässt". Und wenn eine offenbar lesbische Frau einer guten Freundin lautstark am Handy erklärt, wie ihre Geliebte ihre Orgasmusprobleme "in den Griff bekommen hat", dann sieht man eine Menge angestrengt aus dem Fenster blickende Gesichter, einige kämpfen mit dem Lachen, einige fremdschämen sich in Grund und Boden.

Die berühmte Hamburger Arroganz, die ich so befürchtet hatte, als ich hierher zog, sie hat sich mir gegenüber bisher fast ausschließlich als ein starkes Bemühen um Toleranz, höflicher Hilfsbereitschaft, respektvoller Distanz und einem staubtrockenen Humor formuliert.

Aber das ist alles nicht das, was ich sagen will. Denn hier in Hamburg wird offensichtlich die ganze Welt zusammengehalten.

Es sind die großen dicken afrikanischen Frauen. Wer die schon mal hat reden hören auf "Englisch", "Französisch" oder deren jeweiliger afrikanischer Sprache, der weiß was ich meine.

Eine von ihnen steht im Bus. Sie hat einen Kinderwagen mit einem kleinen schlafenden Jungen bei sich. Aber man sieht ihn kaum. Sie ist umwickelt mit einem Kleid, das so bunt ist, dass sich die Pupillen verkrampfen, wenn man länger darauf schaut. Textiltechno, quasi. Auf ihren gebändigten Kringelhaaren thront eine Turbanartige Skulptur an der irgendwas Glitzerndes hängt.

Der Bus hält, und eine weitere große dicke afrikanische Frau betritt die Bühne. Sie begrüßt die Mutter von vorhin mit einer LAUTEN Altstimme. Eine laaange Begrüßung, die offensichtlich eine detaillierte Beschreibung ihres Kleides und eine Begutachtung des Sohnemanns einschließt. Dann werden ERSTAUNTE Fragen gestellt, dem Fluss Antwort wird mit Freude, Trauer oder Wut im Gesicht, in den Händen, Beinen, Körper gefolgt. Es erzählen beide zugleich, die eine mit ihrer Altstimme, die andere mit ihrem Gesicht, mit ihrer geraden elastischen Körperhaltung, ihren empörten, freudigen, wütenden, lachenden Händen. Es sieht aus wie ein Tanz mit Herzen, Mund und Händen. Der Junge wacht auf und jammert. Er wird einfach lustig gelacht. Wie das funktioniert hab ich leider nicht verstanden.

Die Grand Dame mit Kind muss an dieser Haltestelle die Bühne verlassen. Der Bus senkt sich, das Tor geht auf, eine afrikanische Frau mit Kind verlässt den Bus. Was nicht bedeutet, das die Konversation abrupt endet. Erst als sich der Bus wieder hebt (ein dezentes Signal der Regie, die Szene zu beenden) trennen sich die Beiden.

Die im Bus verbliebene Afrikanerin lächelt, holt ihr Handy raus, und singt die nächsten zehn Minuten das Erlebte da rein. Dann trennen sich auch sie und der Bus.

Diese afrikanischen Frauen halten ganz sicher die Welt im innersten zusammen.


Und das ist eines der Dinge, die ich an dieser Stadt liebe.





Weiter mit Musik von Jungs, die sicher solche Mamas hatten:

Kommentare:

Ruwi hat gesagt…

Super-Text!!!

gerd hat gesagt…

Danke!

blaumann hat gesagt…

Die Teilzeit-Hamburgerin stimmt zu: Vor Jahren mal mit 2 Kindern Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg. Berlin: unfreundlich, hektisch, abweisend, grau, dreckig. Ankunft in Hamburg: das Herz geht auf angesichts der Freundlichkeit, Gelassenheit, Entspanntheit der Hanseaten und der Bläue der Stadt. Ich bin froh, dass meine Kinder in Hamburg wohnen und nicht in Berlin.