2008-11-30

Laurie Reid.

Je länger ich mich mit diesem Kunstkram rumschlage, desto genauer bildet sich ab, was es sein könnte, das einen da an kurzer und manchmal langer Leine hält. Ist vielleicht auch eine Frage von älterwerden. Es ist bei mir eindeutig das, was während meines Studiums für Kunst die Kingsize- mit- Gewichten- in- den- See-Disqualifikation war: Die Erzählung. Nun sollte ich vielleicht erwähnen, was Erzählung im Kunstsprech bedeutet, weicht es dann doch reichlich vom "Ik vertell di mol wat" ab, dass man gewöhnlich unter Erzählung meint.

Erzählung meint nicht den chronologisch oder eben nicht chronologisch organisierten Bericht von Veränderungen der Welt im Sinne von Journalismus etwa, das wäre dann das, was man (also ich jetze) "plakativ" nennen würde. Erzählung meint das kulturell kartographierte Assoziationsfeld, das ein Kunstwerk mit sich bringt, und sich mit der Assoziationsbiographie der Betrachters zum fummeln ins gemachte Bett (die zu betrachtende Leinwand z.B.) legt. Es geht also um die möglichen Begriffe, die durch dieses befummeln dann da so rumkrabbeln, wie die sich organisieren (sprich: "Was man sich da so denkt, wenn man das Bild anschaut"). Welche Begriffe sind das, wie verbinden die sich, und warum. Da gibt es ausgetretene Pfade auf dem Assoziationsfeld, ganze Hohlwege gar, und manche Wege sind ganz frisch plattgetretene Erde. Ich meine hier nicht die Originalität des Kunstwerkes, sondern die MOGLICHKEIT, angesichts des Kunstwerkes, originell zu denken/zu fühlen.

Was da passieren kann ist so irre manchmal. Und das zu orchestrieren bzw. orchestriert zu sehen, in Opernformat oder als Kammermusik, das ist es, was mich an der Leine hält.

Dieses Interesse ist eher konkret in den Begriffen als abstrakt. Das ist z.B. einer der Gründe, warum ich selbst fast nie abstrakt arbeite. Mich interessiert diese Welt, und ich habe überhaupt keinen Anlass, mich von ihr abstrahierend zu entfernen, und dadurch nur allgemeiner zu werden (sprich: labern).

Und dann passieren so Wunder, die diese Situation, die so schön fein säuberlich durchfabuliert ist, erstmal über den Haufen wirft. Da kommen dann so Leute wie Mark Rothko oder Otto Zitko, und man muss neu nachdenken.

Und neulich hab ich das hier gesehen, und musste sehr neu nachdenken. Ich hab lange nicht so gute abstrakte Kunst gesehen.



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Kommentare:

Ralf hat gesagt…

Oh man. Kunst ist schon scheiße kompliziert. Zumindest machen sie einige so kompliziert (wahrscheinlich damit sie sie studieren können und einen Grund haben nicht arbeiten zu müssen ;) [/fieser coment ende])
Gibt es eigentlich auch Kunst die einfach nur schön ist und in die man nichts, aber auch absolut rein gar nichts hineininterpretieren muss/kann, die auch nichts an Gefühlswallungen verursacht außer das sie schön ist, die nicht erklärt werden muss und die man sich einfach an die Wand hängt bzw. in den Raum stellt und schlichtweg nur da ist?

gerd hat gesagt…

Möglich. Glaub ich aber nicht. Und zwar, weil man niemals in so einer Laborsituation ist, etwas nur schön finden zu können. Man bringt sein Leben und seine Tageslaune mit.

Wenn man dumm ist, ist man da klar im Vorteil. Dann findet man aber auch Volksmusik und Neunlive schön. Dann bemerkt man nicht, dass man da mitmischt beim schönfinden, und Kunst nicht einfach nur da ist und zum schönfinden zwingen kann. Kann sie nicht. Auch wenn das der Allmachtstraum von Künstlern und kleinen Mädchen ist.

Is nich.

gerd hat gesagt…

Ach und mit dem "damit sie studieren können" hast du zu 95% recht. Ergänzen würde ich zwei drei eigentlich weit wichtigere Gründe: Damit Mama bei ihren Freundinnen mit dem Diplom ihres Jungen angeben kann, damit mittelmäßige Künstler sich Professoren nennen können, und der vermutlich entscheidende: Damit Mamas von Politikern bei ihren Freundinnen mit der Kulturbeflissenheit ihrer Ministerpräsidentensöhne angeben können.