2008-02-04

Dorfklatsch 2.0

Es gibt ja diverse Leute, für die ein Weblog die Lösung ist. Also die jetzt. Für alles, außer Fußpilz Tiernahrung. Und überlegen sind sie dem Journalismus sowieso. Ich will die jetzt nicht alle verlinken, die ich meine, ich denke Google kann da helfen.

Was mich wirklich wundert, ist, das all diese Leute (nee, nicht alle, klingt aber besser), die journalistisch, fernsehtechnisch, literarisch und sonst wie ambitioniert Weblogs vollschreiben/filmen/podcasten/etc., schwupps ein Buch veröffentlichen mit Ihren schönsten Einträgen, bei einem Fernsehsender anfangen oder in einer Redaktion verschwinden. Da kann man nun über die Treulosigkeit und Wendehalsigkeit maulen, Verrat schreien und den Sittenverfall beklagen.

Aber man muss da mal genauer hinschauen.

Da wird die Interaktivität der Weblogs gerühmt: Kommentarfunktion oder doof.

Ganz ehrlich. Da sitzt der Haken.

Medien sind Machtinstrumente. Und je mehr mitreden (kommentieren) desto lebendiger, bunter und belangloser/machtloser. Das fängt bei Multipolaren Medien wie Chats an und geht über twitter zu blogs, bis es schließlich bei den klassischen unipolaren "Ich sende, und Ihr hört alle mal zu"-Medien wie Radio, Fernsehen oder Zeitung endet. Und das ist, was alle die Weblogs loben lässt und heimlich von der klassischen Medienarbeit (Unipolarität) träumen lässt.

Die Multipolaren Medien sind sicher schneller, aber unsicherer in ihrer Glaubwürdigkeit (so etwa "Dorfklatsch gegen Amtsblatt"). Und das liegt nicht an etwaiger professionellerer Arbeit, niedrigerer Fehlerquote, besserer Quellen oder so. Gaaanz sicher nicht. Es liegt an der gedachten Permanenz im Kopf der Leser. Wenn ich spon oder faznet lese, bin ich ziemlich sicher, das die auch morgen noch da sind, und ausgelacht werden, wenn die Mist bauen. Irgend ein Blogger kann mal schnell abtauchen auf Nimmerwiedersehen.

Es ist doch einfach so: Wenn man etwas zu sagen hat, oder meint, etwas mitteilen zu müssen, will man ungestört reden (und gehört/gelesen werden). Applaus in Form von Kommentaren ist dann herzlich willkommen, natürlich (Applaus dann. Nicht Diskussion. Da muss man dann moderieren. Und mal ehrlich: Echte Diskussionen in Weblogs über Nicht-Orchideen-Themen, bei denen wirklich was NEUES rauskommt sieht man vielleicht einmal in Leben). Deshalb wird, je dringlicher dieses Bedürfnis ist, die Wahl der Mittel umso unipolarer ausfallen. Deshalb ist das Weblog für Leute, die damit Karriere machen wollen, einfach eine Art Durchlauferhitzer. Das soll man nur ehrlich sagen,tut ja nicht weh.

Man muss einfach die Prestigehierarchie "Je Kommentar desto Watt-sind-wir geil" deutlich in Frage stellen. Es gibt ein WEIT größeres Bedürfnis nach unipolarer als multipolarer Kommunikation. Immer schon. Und das einfach nur Berieselung zu nennen, ist eine sehr unproduktive Art, mit dieser Tatsache umzugehen.

Denn: So wichtig ist das alles nicht. Es ist noch nicht mal Entertainment. Es ist Dorfklatsch 2.0. Und das ist gut so. Mir gefällts jedenfalls.

Und mit realer Macht, also der Möglichkeit wirklich etwas zu bewegen, hat das echt gar nichts zu tun.

Wer was bewegen will, sollte eine Banklehre machen, BWL oder Jura studieren und dann in eine Unternehmensberatung oder sowas gehen. Das ist der schnellste und effektivste Weg. Will ich jetzt nicht empfehlen (um Himmelswillen!!), aber mir geht die Selbstverlogenheit und Naivträumerei grad etwas aufs Gemächt Gemüt.

Oje, wat is dat lang geworden.

Kommentare:

Dings hat gesagt…

wolltich auch grad sagen (von wegen "lang geworden") :-)

ich finde - ganz unpathetisch - dass sich der begriff der medien einfach ablöst vom klassischen system. das geht jetzt eben alles viel individualisierter, und - wer mag - dann auch wieder sozial vernetzt. und irgendwie kommt da irgendwas bei raus. manches davon gefällt.

gerd hat gesagt…

Ja. Es löst sich vom klassischen System. Aber es ist irgendwie wie in der Pubertät: Man ist gaaanz stark Anti-Establishment, aber will heimlich doch Anerkennung vom Establishment.
Wie gesagt, ich mag da Weblog-Prinzip sehr gerne, es kommt sogar relativ viel gutes dabei raus, finde ich.

Aber man sollte nicht so dumm sein, und die etablierten unipolaren Medien angesichts der multipolaren technischen Möglichkeiten im Web für obsolet zu halten. Auch wenn Print auf Dauer sicher zu teuer wird.
Diese "Weblog gegen klassische Strukturen-Debatte", die mich so nervt verkennt einfach die unterschiedlichen Bedürfnisse, die dort jeweils befriedigt werden. Da ist nix besser oder schlechter, nur besser oder schlechter geeignet für bestimmte Anforderungen.